Das Gesundheitssystem in Deutschland ist krank. Die Diagnose: Steigende Ausgaben schmerzen die Krankenkassen und Sozialversicherungsträger, steigende Beitragssätze schmerzen die Bürger. Unterschiedliche Partikularinteressen verhindern echte Reformen auf politischer Ebene. Und doch gibt es Chancen, die Kosten als zentralen Erreger aller schmerzenden Symptome im Gesundheitswesen zu bekämpfen - zumindest an den Stellen, wo die IT in die Abläufe eingreift. Ein Blick hinter die Kulissen eines modernen Datenmanagements im Gesundheitswesen:
Die große Herausforderung für das Gesundheitswesen, zumindest in diesem Punkt scheinen sich sogar die heftigsten Widersacher in Sachen Gesundheitspolitik einig zu sein, ist die Sicherung des hohen Versorgungsstandards für die Bundesbürger. Das Problem dabei sind die Kosten. Diese belaufen sich in Deutschland laut einer OECD-Studie von 2005 auf 10,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Damit liegt Deutschland im Vergleich bereits an vierter Stelle der OECD-Länder.
Ein Aspekt der Kostenentwicklung, der in der öffentlichen Diskussion bisher nur wenig Aufmerksamkeit fand, ist die Effizienz im Umgang mit den vorhandenen Mitteln. Bedenkenträger gibt es sicherlich in allen Interessengruppen, von Datenschützern über Ärzte, Krankenhäuser bis hin zu Krankenkassen. Das erscheint unverständlich, denn aus Sicht der IT laufen viele Prozesse innerhalb und zwischen den beteiligten Parteien im Gesundheitswesen äußerst ineffizient. Dabei könnten durch bessere Organisation und Infrastrukturen freiwerdende Mittel, die in großem Umfang von den Verwaltungsprozessen aufgezehrt werden, für die Behandlung von Patienten oder die Reduzierung von Beitragssätzen genutzt werden.
Prozesskosten reduzieren
Während in anderen Branchen, etwa der Telekommunikationsindustrie, viele Abläufe von der Datenentstehung bis zur Archivierung automatisiert ablaufen, leistet sich die Gesundheitswirtschaft in großem Stil den Betrieb von Dateninseln, Mehrfacherfassung von Daten und hohe Administrationskosten. An dieser Stelle müssen die Verantwortlichen ansetzen, um die Kosten für den operativen Betrieb der IT mittelfristig zu reduzieren. Automatisierung, Virtualisierung und Deduplizierung sind nur einige der heutigen Antworten, mit denen Administratoren das Datenwachstum eindämmen und mit gleicher Teamstärke immer größere Datenvolumina verwalten können. Die dafür nötigen Investitionen in Lösungen für effiziente IT-gestützte Geschäftsprozesse sowie in moderne Lösungen für die Verwaltung der Informationen rund um den Patienten mögen zwar auf den ersten Blick technikverliebt wirken, dienen aber letztlich der Verbesserung der Gesundheitsleistungen für die Menschen.
Betrachten wir die Situation in Krankenhäusern: Dort stellen das Datenwachstum sowie die Langzeitarchivierung von Untersuchungsergebnissen und anderen Patienteninformationen zwei zentrale Herausforderungen für die IT dar. So gehören moderne bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRT) heute zu den wichtigsten diagnostischen Methoden. Diese Geräte und Anlagen erzeugen enorme Datenmengen, die sich bei mittelgroßen Krankenhäusern schnell auf etliche Terabyte pro Jahr summieren. Gleichzeitig müssen die Patientendaten über mindestens zehn Jahre und bei Anwendung von Röntgenuntersuchungen sogar 30 Jahre abrufbar und fälschungssicher archiviert und anschließend gelöscht werden. Der Gesetzgeber hat diese Entscheidungen im Sinne der Patienten getroffen, um die Persönlichkeitsrechte ebenso zu schützen wie die Krankengeschichte aus einmal gewonnenen Erkenntnissen zu erweitern. Für die Kliniken bedeutet das allerdings erheblichen Mehraufwand, der ohne ein zentrales Speichernetzwerk und automatisierte DatenManagementprozesse nicht effizient zu meistern ist. Dennoch liegen in vielen Kliniken diese Daten noch immer auf lokalen Servern, obwohl sie sich von den MRT-Anlagen auf zentrale Speichernetze automatisiert übertragen lassen. Mit Hilfe von ILM-Konzepten (Information Lifecycle Management) können Kliniken dafür sorgen, dass die Daten auf Basis definierter Regeln automatisch auf kostengünstigere Archivierungsplattformen verschoben und nach Ablauf der Archivierungsfrist auch automatisch gelöscht werden. Diese Investitionen würden innerhalb kürzester Zeit dazu beitragen, die IT-Kosten erheblich zu reduzieren, die Verwaltung und die Sicherung von Daten deutlich zu erleichtern und das Ausfallrisiko samt möglichem Datenverlust zu reduzieren. Informationen könnten so entsprechend der gesetzlichen Vorgaben behandelt werden.
Vernetzung in den Kinderschuhen
Auch der Blick auf die Verwaltungsprozesse zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen offenbart erhebliches Optimierungspotenzial. So werden Diagnosen und Überweisungen zwar vom Arzt am PC erfasst, der Austausch mit den Krankenkassen und umgekehrt erfolgt jedoch über ausgedruckte Dokumente. Diese Medienbrüche führen zu Mehrfacherfassungen von Daten, hohen Kosten und hoher Fehleranfälligkeit. Wer kennt keine Horrorgeschichten von erschreckenden Diagnosen, die sich nach mündlicher Überprüfung glücklicherweise als Fehlalarm erwiesen? Es geht also stressfreier und effizienter.
Digital abgebildete Prozesse von der Datenerfassung über die Archivierung bis hin zur Kommunikation mit den Versicherten auf der Basis moderner Enterprise-Content-Management-Lösungen (ECM) versprechen ein hohes Kostensenkungspotenzial. Der Bedarf im Gesundheitssektor ist ebenso hoch wie in Unternehmen anderer Branchen.
Das zeigt auch die Studie „Information Lifecycle Management 2007 - Bedeutung für den Wertbeitrag in der IT", die von Lünendonk im Jahr 2007 durchgeführt wurde. Befragt nach den wichtigsten Projekten, die die untersuchten großen Unternehmen in Deutschland bis einschließlich 2008 planen, lagen Projekte im Zusammenhang mit „Enterprise Content Management/Archivierung/Datenmanagement" mit 29,6 Prozent bereits an dritter Stelle der Nennungen hinter „ERP- und Business-Anwendungskonsolidierung" (51,9 %) und „SAP-Projekten" (37,0 %). Einen deutlichen Schub in Sachen Digitalisierung wird die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte bringen, deren deutschlandweiter Einsatz gegenüber den ursprünglichen Planungen bereits deutlich verspätet ist.
Digitale Prozesse sichern
Kommt die Einführung, so schließt die elektronische Gesundheitskarte als Datenträger die digitale Informationskette zwischen Ärzten, Krankenhäusern, Diagnosezentren, Apotheken, Krankenkassen und weiteren Institutionen. Dass damit die Anforderungen an die Datensicherheit und Zugriffsrechte bei allen beteiligten Personen und Institutionen steigen, steht außer Frage. Doch auch für diese problematischen Aspekte des „gläsernen Patienten" gibt es technische Lösungen. Der Gesetzgeber muss allerdings den Rahmen setzen.
Diese beiden Beispiele verdeutlichen, wie die Informationstechnologie dazu beitragen kann, den Erreger „Kosten" zu behandeln und die Schmerzen innerhalb des Gesundheitswesens zu lindern. Zugleich wird deutlich: Die Zahl der Abläufe in der Gesundheitsbranche, in die die IT eingreift, ist groß. Und sie muss noch größer werden - im Sinne der Patienten.
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